Victoria Wolff

Stadtarchiv Heilbronn, Kolorierung J. Peter

Abiturienten des Realgymnasiums Heilbronn 1922, in ihrer Mitte Victoria.

Ihr Onkel Albert Einstein besuchte ihre Familie 1915 und 1917 und gab ihr Nachhilfe in Mathematik.

wikipedia – public domain

Trude Victoria Victor, 1903 geboren, wechselte 1917  von der höheren Mädchenschule ans Realgymnasium als einziges Mädchen der Klasse. Als sie 1922 Abitur machte, bot die Weimarer Rebublik neue Freiheiten.

Unten: Titelblatt der Schülerzeitung eines Heilbronner Gymnasiums  1926/27.

Stadtarchiv Heilbronn, B081-15,  CC-BY-SA 3.0

Bereits 1917 spielte Trude Victor in einem satirischen Stück über deutschen Kleinstadtmief am Stadttheater. Im fiktiven Ort „Krähwinkel“ bleiben die Menschen in Kleinstadt-Klatsch gefangen, doch eine junge Frau probt (ein klein wenig) den Ausbruch. Das Heilbronner Realgymnasium brachte die Inszenierung  1917 auf der Bühne des großen Stadttheaters heraus.

Stadtarchiv Heilbronn E002-444, CC-BY-SA 3.0

Trude Victor studierte in Heidelberg und München Naturwissenschaften, doch ihre künstlerische Ader blieb immer lebendig.

1924 heiratete sie Alfred Wolf, einen Jugendfreund aus der selben Straße, ebenfalls aus einer Fabrikantenfamilie. 1926 und 1928 werden ihre Kinder Ursula und Frank geboren.

Victoria Wolf, in der Zeit ihrer ersten Ehe mit Alfred Wolf (86)

1924 wird Schnitzlers  „Reigen“ vom Spielplan des Stadttheaters abgesetzt – das Stück galt als Skandal, die Kirche protestierte, heute völlig harmlos.

Victoria Wolf regte sich so sehr über eine Inszenierung am Stadttheater 1929 auf, die einer Pionierin der Emanzipation nicht gerecht werde, dass sie selbst einen biographischen Roman über die Heldin in Angriff nahm: George Sand. Das das Buch erschien 1932 unter dem Titel „Eine Frau wie du und ich“.

oben: ein Stich zeigt 1848 satirisch die Erfolgsautorin George Sand (85)

oben: George Sand raucht Pfeife, Zeichnung um 1835

 

Oben: George Sand im Anzug. Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert

Marlene Dietrich , link: lipstickalley.com

George Sand trug schon 100 Jahre vor Marlene Dietrich den Anzug und wirbelte die Geschlechterrollen durcheinander. Mit Marlene Dietrich hatte die spätere Hollywood-Autorin Victoria Wolf einen Freund gemeinsam: Erich Maria Remarque.

Als einziges Mädchen ihrer Klasse im Realgymnasium konnte sich Victoria Wolf mit dem Freiheitsdrang  George Sands identifizieren. Wenige wissen, das noch bis in den 60er Jahre des  20. Jahrhunderts die Hausordnung  der Heilbronner Schulen Mädchen das Tragen von Hosen verbot. Im Artikel „Als die Lehrer noch echte Männer waren“ berichtet die Heilbronner Stimme 2017 von der bewussten Geschlechtertrennung, die  noch lange in der Nachkriegszeit bis in die Pausengestaltung vertreten wurde. Die Titel der ersten drei Kapitel des Buches von Victoria Wolf über George Sand sprechen Bände:

  1. Eine Frau wird erzogen
  2. Eine Frau erzieht sich selbst
  3. Freiheit, die ich meine

Heilbronn wurde Victoria Wolf schnell zu eng – sie setzt sich Ende der Zwanziger Jahre selbst ans Steuer und entdeckt Europa – ihre Reise-Reportagen veröffentlicht sie in verschiedenen Zeitungen.

Victoria Wolf schreibt dazu: „Wenn Elly Beinhorn mit einem einmotorigen Flugzeug in die Sahara fliegen kann, werde ich wohl in einem 4/20er Opel nach Prag kommen.“ (88)

Elly Beinhorn, link bernd-rosemeyer

oben: Vorbild Elly Beinhorn, über die im ZDF eine große Dokumentation erschien

Opel 4/20 Cabriolet (das Beispielfoto zeigt nicht Victoria Wolff)

Vom Modell Opel 4/20, den Victoria Wolf für ihre Europatouren nutzte, gab es zwei Cabriolet-Varianten und eine Limousine. Welches dieser 4/2oer Modelle sie nutze, ist nicht mehr bekannt.

Opel 4/20 Cabriolet 2 (das Beispielfoto zeigt nicht Victoria Wolff)

Victoria Wolf war jetzt eine moderne Autorin auf der Höhe ihrer Zeit mit einer raschen Folge an Publikationen – bis der Vormarsch der Nazis ihrer Karriere in Deutschland ein jähes Ende setzte.

Nach der Machtergreifung Hitlers entschied sich Victoria Wolf sehr bald zur Emigration. Eindringlich verarbeitet sie in ihrem Roman „Gast in der Heimat“ (1935) die Boykott-Aktionen der Nazis gegen jüdische Mitbürger am 1. April in Heilbronn, die rasche Gleichschaltung in der Kleinstadt, die Verfolgungen im Alltag und den forcierten Rassismus an der Schule.

Victoria Wolf wählte Ascona für Ihre Emigration. Dort lernte sie Erich Maria Remarque kennen, der sie bei ihrer Arbeit unterstützte.

Der Monte Verità zog immer noch Künstler an -die wilde Zeit der legendären Aussteigerkommune auf dem ‚Berg der Wahrheit‘ war vorbei, 1926 kaufte ein Baron  das Gelände und baute ein First Class Hotel im Bauhaus-Stil für ein mondänes Publikum, ‚ganz Berlin sprach davon, dass auf dem Monte Verità ein Picasso im Lift hinge – ganz Berlin wollte nach Ascona‘ (89)

unten: Künstler und Aussteiger im Jahr 1914 auf dem Monte Verita bei Ascona

link: rocaille.it

Der Monte Verità wurde schnell zum Klischee und war bald  prominenten Besuch gewöhnt:  vom preussischen Kronprinzen bis Lenin kamen illustre Gäste. Hermann Hesse wurde hier durch seinen Freund Gusto Gräser zum Roman Siddharta inspiriert, Ernst Bloch schrieb am See im Haus sein Werk „Geist der Utopie“, Martin Buber führte auf dem Monte Verita in die Philosophie des Laotse ein, Max Weber entwickelte nach seiner Zeit auf dem Berg das Konzept der charismatischen Gesellschaftsformen, Otto Gross seine Theorie der sexuellen Revolution. Autoren wie Claire und Ivan Goll schrieben hier Texte gegen den Krieg. Viele Avantgarde-Künstler wie die Tänzerin Mary Wigman, die Dadaisten Hugo Ball, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, die Maler Ernst Klee, Alexey Jawlensky gehörten zu den Besuchern.

Auf Arte erschien eine sehenswerte Dokumentation über den Monte Verita, der hier zu sehen ist.

Längst zum schicken Urlaubsziel gewandelt, besuchte Victoria Wolf Anfang der 30er Jahren den Ort und schrieb 1931 für die Neckarzeitung eine Reportage.

Unter ganz anderen Vorzeichen kehrte sie dann 1933 als Emigrantin nach Ascona zurück. Ascona war jetzt auf neue Weise ein Ort der Hoffnung. Victoria Wolff porträtierte ihr Lebensgefühl dort in ihrem Roman von 1934  „Die Welt ist blau – ein Sommer in Ascona“.

wieder im Buchhandel und bestellbar bei Osiander

Victoria Wolf genoss den Austausch mit anderen Künstlern, darunter Else Lasker-Schüler und Albert Ehrenstein. Hier begann ihre Freundschaft mit Tilla Durieux, einer wandlungsfähigen, charismatischen Schauspielerin, die sie zum Roman „‚Das weiße Abendkleid‘ inspirierte.

die junge Tilla Durieux, link blogspot

oben: die junge Tilla Durieux. Unten: die Schauspielerin als Franziska im gleichnamigen Stück von Wedekind.

Tilla Durieux in Wedekinds Stück Franziska , link: Uni Oldenburg

Da die Schweiz nach einigen Jahren ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängerte, wechselte Victoria Wolf 1939 nach Nizza. Nach dem Einmarsch Hitlers in Frankreich ging die Flucht weiter in die USA. Sie konnte schließlich in Hollywood Fuß fassen.

Für 3000 Dollar verkaufte Victoria Wolf die Rechte an ihrem Roman „Das weiße Abendkleid“ an Hollywood,  15000 Dollar war ihr Spitzenhonorar für ‚Salute for a Lady‘.

Der Stoff ihres Romans „Das weiße Abendkleid“ wurde Rohmaterial für Hollywood. Wie häufig üblich, wurde der angekaufte Stoff von vielen Autoren mehrfach umgearbeitet und kam schließlich mit Startbesetzung ins Kino: „Tales of Manhattan“ wurde mit Henry Fonda, Ginger Rogers, Rita Hayworth und Charles Laughton verfilmt. Aus dem Abendkleid, dessen wechselnde Trägerinnen jeweils schicksalhafte Erlebnisse haben, wurde nach langer Umarbeitung ein Frack. Victoria Wolff erscheint am Ende nicht mehr unter den aufgeführten Autoren. In den alten Studios wurden Autoren gut bezahlt, doch nicht immer gut behandelt.

Victoria Wolf wendete sich nach einiger Zeit wieder von Hollywood ab und konzentrierte sich auf ihre Romane.

Im Buch ‚Stadt ohne Unschuld‘ (Fabulous City) beschreibt sie  die Entwicklung von Los Angeles  vom Dorf zur Metropole.

1949 heiratete sie ihren zweiten Mann in Los Angeles, den Kardiologen Dr. Erich Wolff, der  den 40er Jahren seine Praxis in der Exilgemeinde in Los Angeles eröffnete.  Über ihren Mann lernte sie die Familien Feuchtwanger, Mann und Werfel kennen. Mit dem Philosophen Ludwig Marcuse war sie enger befreundet. Sie hielt große Gesellschaften mit Künstlern der Exilgemeinde. Für den ‚Aufbau‘, der ältesten deutschsprachigen Zeitung in New York, porträtierte sie  Freunde und Bekannte und dokumentierte damit ‚Neu Weimar am Pazifik‘, wie Anke Heimberg berichtet. Victoria Wolf begegnete auch Henry Miller. Sie interviewte Holywood-Stars für Blätter in der Schweiz und Deutschland.

Noch 1981 beteiligte sie sich an einer Drehbuch-Adaption von  ‚Fabulous City‘ für das Fernsehen und verkaufte 1982  die Rechte von ‚König im Tal der Könige‘ ans Fernsehen.

Victoria Wolff starb am 16. September 1992 in Los Angeles.

Joo Peter, 2017

 

Quellen:

„Schaffen, Schaffen, Schreiben“ Victoria Wolffs Jahre in Heilbronn und ihre Zeit im Exil, Anke Heimberg

Heilbronn 2008,  heilbronnica 4, Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Heilbronn 19
Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte 36, herausgegeben von Christhard Schrenk und Peter Wanner (Hrsg.)

Von Heilbronn nach Hollywood – Victoria Wolff (1903–1992)‚ von Anke Heimberg, neuer Nachrichtenbrief, Nr.23, Deutsche Gesellschaft für Exilforschung

Nach meinen Recherchen liegt der Nachlass von Victoria Wolff in Los Angeles in der UCLA library, Teilbereich Charles E. Young Research library, Kontakt yrl-circ@library.ucla.edu.  Manuskripte, Korrespondenz, unter anderem auch viele Fotografien mit Hollywood-Stars. Eine ausführliche Aufstellung hier.

Victoria Wolffs erster Ehemann Alfred Wolf, der 1940 in die USA emigrierte und später eigene Wege ging,  hat selbst einen großen Lebensbericht über 300 Seiten für seine Nachkommen geschrieben. Das Dokument ist im Heilbronner Archiv (siehe unten) und in der UCLA library aufgeführt.

 

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