Die Spur der Rubensbilder

 Rubens: Bildnis Marchesa Veronica Spinola Doria

Ein Rubensgemälde brachte Zeitsprünge auf die Spur: 1935 in Berlin von einem verfolgten, jüdischen Händler in einer Liquidationsversteigerung an einen Sammler bei Stuttgart verkauft, hängt es heute in der Kunsthalle Karlsruhe. Der jüdische Vorbesitzer Jacob Oppenheimer starb 1941 auf der Flucht, seine Frau Rosa in Auschwitz.

Im unterirdischen Lager des III.Reiches im Salzbwergwerk Heilbronn taucht 1945 ebenfalls Rubens aus ehemals jüdischem Besitz  auf.515  Forscht man weiter zur Geschichte der Kunsthalle nach, wird man schnell fündig: der damalige Leiter  wird als der wichtigste Akteur der Raubkunst in Südwestdeutschland sichtbar, bezog Raubkunst auch über einen Händler an Eptings Dienstelle in Paris.454

Aus Heilbronn stammt ein Standardwerk zum Lager im Salzbergwerk, in dem zum Thema Raubkunst mehr geschwiegen als aufgeklärt wurde.

Die Spur nach Karlsruhe, Straßburg, Paris

Es macht stutzig, dass Christhard Schrenk im großen Standardwerk „Schatzkammer Salzbergwerk“ hier der Geschichte der  Raubkunst nicht genauer nachgeht. Die Nachforschungen führen zu einem weiteren Prominenten der Nachkriegszeit, der heute teils noch verklärt wird, zu einem umtriebigen Akteur der  Beutekunst, gut bekannt mit der deutschen Botschaft in Paris, an der Otto Abetz und Karl Epting wesentlich den Kunstraub forcierten: der Karlsruher Museumsleiter Kurt Martin, der Otto Abetz bereits aus seiner Studienzeit und dem Sohlbergkreis kannte (zu dem auch Epting gehörte). Bereits das zweite Treffen des Sohlbergkreises nahm eine völkische Richtung (noch vor der Machtergreifung).521 Kurt Martin wurde vom amerikanischen Nachrichtendienst als „personal expert for Abetz“455 bezeichnet, sammelte Raubkunst aus Deutschland, Niederlande, Frankreich, die teils im Salzbergwerk Heilbronn landete. Der Karlsruher Museumsleiter machte eine steile Karriere in der aggressiven Expansionspolitik des III. Reiches. Kurt Martin entpuppt sich als ein Musterbeispiel für die Kontinuität von der NS-Zeit bis in die Nachkriegszeit:  er leitete die Kunsthalle Karlsruhe auch nach dem Krieg bis 1956 weiter. Damit war seine Karriere nicht etwa zu Ende: 1956 wurde er Direktor der Kunstakademie Karlsruhe und 1957 Generaldirektor der Bayrischen Staatsgemäldesammlungen, Nachfolger Buchners (der im III. Reich den Genter Altar nach Deutschland verschleppen sollte), Mitbegründer des International Councils of Museums, Leiter des Nationalkomitees, bis zur Documenta einer der großen Platzhirsche.

In seinem Standardwerk benennt der Heilbronner Archivleiter Christhard Schrenk die Schlüsselrolle Martins für die Lagerung von legaler und illegaler Kunst im Salzbergwerk Heilbronn, doch nimmt er Kurt Martin sehr deutlich in Schutz, setzt ihm am Ende „ein Denkmal des Dankes“ für die Rettung von Kulturgut.517 Kurt Martin habe in der Zeit des Nationalsozialismus, so zitiert er anfangs Kunstschutzoffizier Rorimer, in erster Linie „als Kunstexperte und nicht als parteipolitisch denkender Mensch gehandelt und sich unermüdlich um die Sicherung von elsässischem Kulturgut bemüht“.

Wirklich? Allein 12000 illegale Gegenstände sind im Elsass gesammelt worden, wie Christhard Schrenk an anderer Stelle im Buch mit dünnen Sätzen einräumt516. Kurt Martin war hier in leitender Funktion –  umso verwunderlicher  Schrenks Zusammenfassung am Schluss, in dem er das „enorme Engagement“ von Kurt Martin würdigt.517 Sicher, in  Heilbronn waren weniger illegale Werke gelagert als zum Beispiel im Bergwerk Althaussee, illegale Werke aus dem Elsass ließ Martin (zumindest anfangs) meist im Elsass lagern, manches kann man Kurt Martin zugute halten, dennoch sorgt das Fazit für Verwunderung, ebenso wie die vielen unbeantworteten Fragen zum illegalen Lagergut in der Heilbronner Saline.

Raubkunst im Salzbergwerk kam aus verschiedenen Quellen (Frankreich, Niederlande, zu einem kleinen Teil wohl auch aus dem Kriegsgebiet im Osten) – sie wird im Buch gänzlich zur Randnotiz neben der großen Anteil  legalen Lagergutes aus ganz Deutschland.

Die weitere Geschichte zeigt, wie sensibel auch der Fall des Rubensgemäldes der Marchesa bis heute für Kollegen des Heilbronner Archivleiters ist:  In der Zeit der Publikation von Christhard Schrenk waren die Entschädigungsforderungen zum Rubensbild noch nicht abgeschlossen. Die Forderungen der jüdischen Erben lehnte sein Kollege Klaus Schrenk im Jahr 2000 vollständig ab, Leiter der Kunsthalle Karlsruhe seit 1995, der möglicherweise nur zufällig den gleichen Nachnamen wie der Autor von „Schatzkammer Salzbergwerk“ trägt. Die Rückgabe des Rubensbildes an jüdische Erben wurde bereits in den 50er Jahren verweigert und außergerichtlich abgewehrt, später von der Kunsthalle Karlsruhe unter Klaus Schrenk nochmals verteidigt, mit einer Spekulation über eine Entschädigung in den 50er Jahren, die mit keiner Quittung belegt ist. Dasselbe gilt für ein weiteres Rubensgemälde aus derselben Liquidationsversteigerung von 1935 in Berlin unter dem Verfolgungsdruck der Nazis, das heute in der Staatsgalerie Stuttgart hängt. Beiden Häusern ist es wichtig, ihre Rubenswerke behalten zu können. Liegt die Deutungshoheit des wissenschaftlichen Gutachtens bei den Museen selbst?

Es wird Zeit, hier einmal unabhängig diesen (Lokal-) Geschichten nachzugehen.

 

Glänzende Karrieren: Museumschef Kurt Martin

Kurt Martin verdiente seine Sporen im NS-Staat mit der Gründung eines Armeemuseums in Karlsruhe, das, so Martin in der Eröffnungsrede 1934 „die wehrpolitische Leistung unseres Grenzlandvolkes“500 vermitteln sollte. Gauleiter Wagner ernannte ihn darauf zum Leiter der Kunsthalle Karlsruhe – Martin blieb es bis 1956. Unter seiner Leitung erwarb die Kunsthalle auch viele Werke aus Sammlungen von NS-Verfolgten, er dehnte seinen Machtbereich im Krieg bald auf alle Museen in Baden und Elsaß aus.

Kurt Martin beteiligte sich am Projekt des Gauleiters Wagner, einen Mustergau Elsaß-Baden vorzubereiten.454c Dabei propagierte Martin das Ziel, den „Einfluss der französischen Kulturpropaganda im Elsaß zu überwinden und auszumerzen“.454d Er war an der Enteignung der Sammlungen von Verfolgten und frankreichtreuen Franzosen, sogenannten „Reichsfeinden“ beteiligt.454e  Die Quellen nennen gut 100 Werke aus jüdischem Besitz, die er in seiner Amtszeit erwerben ließ.455

Wie die Jagd nach Raubkunst bei Kurt Martin aussehen konnte, zeigt der Fall Adolf Bensinger. Martin kündigte per Brief an „Adolf Israel Bensinger“, seinen ‘Besuch‘ in dessen Villa an. Nach diesem ‘Besuch‘ verlangte der Museumsleiter von der zuständigen Oberfinanzdirektion die Beschlagnahme der Sammlung des Juden. Am Tag, als der Beschlagnahmebescheid  eintraf, starb Bensinger, vermutlich an Herzinfakrt – der geöffnete Brief der Beschlagnahmung auf seinem Tisch. Bensinger hatte im Testament rechtzeitig die Kunstwerke an Verwandte vermacht, die zumindest einen arischen Elternteil haben, bei denen nach damaliger Rechtslage nicht beschlagnahmt werden konnte. Doch Museumschef Kurt Martin wollte nicht, dass sich hier jemand dem Kunstraub durch den Tod entziehen kann: „ein Jude [darf] auch auf dem Testamentsweg nicht über seinen Kunstbesitz verfügen.“501b 

Der Museumsleiter zog dann doch den Kürzeren, erwarb dafür viele weitere Werke aus Arisierungen auf ‚gesichertem‘ Weg über staatliche Behörden, die diese zuvor enteignet hatten, manchmal auch direkt über (Not-) Versteigerungen der Verfolgten.

Kurt Martin ging auch direkt in Paris auf Einkaufstour. Als „personal expert for Abetz“455, wie ihn die Alliierten beschrieben, fand er nach den großen Raubzügen von Epting, Abetz und Nachfolgern  ein großes ‚Kaufangebot‘ auf dem grauen Markt, das in  mehrfacher Hinsicht billig war, der Zwangsumtauschkurs für den Franc drückte die Preise, zusätzlich gab es Reichskassenscheine „die den deutschen Staat nichts kosteten, und mit denen sich entsprechend Meisterwerke zu Spottpreisen erwerben ließen“454h. In Paris erwarb Martin rund 80 Gemälde, 23 Werke davon über den Mittelsmann der deutschen Botschaft, Kunsthändler Adolph Wüster und damit so nahe an der Quelle der Epting / Abetz, wie es möglich war.454f Wüster war Kulturattaché der deutschen Botschaft und Kunsthändler für Ribbentrop, später 1942 bis 1944 Konsul, Vermittler für deutsche Einkäufer auf dem Pariser Kunstmarkt mit engen Kontakten zum Einsatzstab Rosenberg (ERR)512 ,“der aktivste Zwischenhändler für deutsche Käufer auf dem Pariser Kunstmarkt der vierziger Jahre“614. Wüster verkaufte direkt an Martin oder vermittelte weitere Verkäufe und Kontakte, teils auch an Behörden vorbei: „in Zukunft….nur noch mit Bargeld“ schreibt Martin an Wüster am 14. Mai 1941, da die französischen Banken eine Genehmigung der französischen Regierung vor Auszahlungen für solche Geschäfte forderten, die nur schwer zu bekommen war.454i

Kurt Martin arbeitete auch mit Gurlitt und Haberstock zusammen, dem Kunsthändler von Hitler und Speer, der ebenfalls von Konsul  Wüster an Eptings Dienstelle unterstützt wurde.454k

Unten: eines der Kinder aus Straßburg, das nach Auschwitz kam.

Portrait und Ausweis von Anny-Yolande Horowitz aus Strasßburg, 1940

Nach der Wannseekonferenz forderte Karl Epting, die jüdischen Kinder in Frankreich abzusondern. Anny Yolande Horowitz, 9 Jahre alt,  wurde noch im gleichen Jahr deportiert und überlebte das Jahr nicht mehr.

Aggressive Expansion

Mit der Besetzung Frankreichs erhielt Kurt Martin im Elsaß ganz wie Abetz und Epting in Paris weitreichende Kompetenzen.

Noch umfassender und länger als Abetz und Epting erhielt Kurt Martin die Vollmacht, Kulturgut von ‚Reichsfeinden‘ und ‚Volksfeinden‘ sicherzustellen. Reichsfeind war praktisch jeder, der die Unterdrückung des Französischen im Elsaß nicht unterstützte und Volksfeind waren Juden und die Kritiker der völkischen Politik.454e

Kurt Martin selbst beschrieb, wie in Wohnungen von Juden und ausgewiesenen nichtjüdischen Franzosen Kunstwerke „sichergestellt“ und in Depots gebracht wurden.505  

Kurt Martin wählte persönlich aus den Beschlagnahmungen aus, was für die Museen brauchbar war und übernommen werden sollte 613

Die Karriere zahlt sich aus

Zu den Gemeinsamkeiten von Epting und Martin im III. Reich gehören die enormen Budgets: hatten Karl Epting und Otto Abetz eine Milliarde Franc für ihre Kulturpropaganda in Frankreich, erhielt Kurt Martin im deutschen Elsaß der Kriegszeit volle Kassen, um mehrere deutsche Theater und viele deutsche Bibliotheken zu gründen, während die französische Sprache verboten und unterdrückt wurde.506 

Kurt Martin wurde Leiter aller Museen in Baden und Elsaß und forderte, alles Französische aus den Museen zu entfernen. Er pochte dabei auf ein großes Budget, denn es seien nun mal „große Mittel nötig, weil die Folgen der französischen Kulturpropaganda im Elsaß zu überwinden und auszumerzen sind.“454f

zeitgenössisches Plakate aus der Besatzungszeit in Straßburg

Martins Eifer zielte auch über das Nachbarland hinaus:  Mannheim sollte mit seinem Völkerkundemuseum „den kolonialen Anspruch Deutschlands“ vertreten.507  Auch nach dem Krieg drängte es ihn in internationale Gremien.

Das Strassburger Ausstellungsprogramm unter Martin war typisch für die NS-Zeit: „Kunst der Front“ , „Künstler im feldgrauen Rock“,, „Ewige Infanterie“ lauteten Ausstellungstitel. Andere Ausstellungen behandelten Deutschtum in Grenzregionen: „Deutsche Kunst im Osten und Südosten“, „Sudetendeutsche Kunst“. Wie wichtig Kurt Martin und die Kultur  für das Regime war, zeigen auch  die besondere Lage und Geschichte des Museums: Das Strassburger Museum liegt ganz zentral, direkt gegenüber dem Münster im Palais Rohan, der für die französische Geschichte der Stadt steht, hier logierte zeitweise Louis XV, Marie-Antoinette, Napoleon.

Jederzeit zur Stelle

Kurt Martin war kein Choleriker wie Epting, der einem Louvre-Mitarbeiter die Bestandslisten aus den Händen riss – der Karlsruher Museumsleiter war eher ein Profi wie Hitlers Kunsthändler Haberstock, durchaus geschickt und bemüht, alles eleganter zu lösen, einen guten Draht zu Kollegen zu halten (was ihm nach dem Krieg sehr half), in manchen Bereichen auch mit innerer Distanz und eigener Politik, doch letztlich ein Diener des Systems. Die US Army sah bei Kurt Martin das  doppeltes Spiel612, doch brauchte letztlich seine Hilfe, die Archive nach dem Krieg zu ordnen.

Im Gegensatz zu Epting pflegte Kurt Martin zum Kunstschutzbeaufragten der Wehrmacht Graf von Metternich ein gutes Verhältnis. Metternich wollte, dass Kulturgut in den neu besetzten Ländern zunächst an Ort und Stelle bleibt  – Martin war das nur recht im neuen Reichsgau Elsaß-Baden – viele Kunstschätze im Elsaß waren durch abziehende Franzosen ins unbesetzte Frankreich in Sicherheit gebracht  worden, Martin fand nur leere Depots vor. Um die Werke zurückzubekommen, gelang ihm ein Meisterstück der Kollaboration – was bei dem hohen Budget nicht ganz verwunderlich ist. Er übernahm alle Mitarbeiter im Museum Straßburg, ließ auch Französisch im Haus zu. Hätten  die Mitarbeiter über das hohe Budget klagen sollen? Über den großen Zuwachs an Kunstschätzen für ihr Museum? Die späteren, illegalen Erwerbungen in den besetzten Ländern Frankreich und  Niederlande kamen zuerst Straßburg zugute (der neuen Hauptstadt im Reichsgau Elsaß-Baden).

1943 begannen die ersten Bombardierungen von Strassburg. Auch das Museum der Künste im Palais Rohan wurde 1944 getroffen.

Palais de Rohan, Straßburg, 1944

Als sich Kriegsglück wendete,  brachte Martin zunehmend Kunstschätze auf die rechte Rheinseite in Sicherheit: in die Salzbergwerke bei Heilbronn. Auch hier doppeltes Spiel, ganz um Sicherung von Kunstschätzen bemüht, doch im Zweifelsfall immer auf  der richtigen Seite. Wie die Kollaboration der französischen Mitarbeiter des Museums Straßburg einzuschätzen ist, bleibt schwierig. Kurt Martin gelang es nach Übernahme des Museums, auch den früheren Direktor Hans Haug dazu zu bewegen, einen Teil der Kunstschätze aus dem unbesetzten Frankreich zurückzubringen – aber nicht alles.  Profitiert das Museum Straßburg bis heute von fragwürdigen Erwerbungen? Tessa Rosebrock berichtet, das Straßburger Museum besitze heute  800 Gemälde bis zum 19. Jahrhundert, 200 davon sind dauerhaft ausgestellt und „exakt 100 dieser Exponate sind während der Zeit der deutschen Besatzung Straßburgs und der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1947 in den Besitz des Museums gelangt.“ Ein hoher Prozentsatz -dazu meist ungeklärt in der Herkunft, wie Tessa Rosebrock betont.  Eine Rückgabe ist meist nicht möglich,  denn „dem Museum ist bei diesen Werken ausschließlich der direkte Verkäufer bekannt (…) es besitzt aber meist keinerlei Angaben zur eigentlichen Herkunft der in den vierziger Jahren erworbenen Werke“, ihr Ursprung  sei  „in 90% der Fälle überhaupt nicht erforscht“, so Tessa Rosebrock. Die Mitarbeiter im Museum Straßburg stellten Kurt Martin nach dem Krieg gegenüber den Alliierten ein gutes Zeugnis aus.

unten: ein Werk von Goya im Museum Straßburg, das Kurt Martin 1942 aus Paris mitbrachte.

Foto: Joo Peter 2020

Kurt Martin akquirierte in den besetzten Ländern manches Schnäppchen, doch  1943, als sich die Wende im Krieg abzeichnete und Kurt Martin von den Alliierten erfuhr, dass die Besitzansprüche der ‚Arisierungen‘ auch im Kunstgeschäft unwirksam werden, änderte er sein Kaufverhalten deutlich, so seine Biographin Rosebrock – Einkäufe in besetzten Ländern ließen stark nach, Martin  bereitete sich auf die Zeit danach vor.454g 

Wie kaum ein anderer war Kurt Martin dann 1945 sofort zur Stelle, den Alliierten zu helfen, die bombensicher gelagerten Kulturgüter zu sichern und seine Sachkenntnis anzudienen. Hatte er nicht einmal Max Liebermann in Schutz genommen? Auf wundersame Weise stand er jetzt (und eigentlich schon immer) auf der richtigen Seite. Alle Listen zu den 20000 Werken im Salzbergwerk Heilbronn waren wegen eines Wasserschadens zerstört, doch Kurt Martin, kluger Hüter seiner Schätze, war mit einer Abschrift zur Stelle – jederzeit die Lage unter Kontrolle.

Kurt Martin konnte bereits im Sommer 1945 wieder die Leitung der Karlsruher Kunsthalle übernehmen. Er wird von der Kunsthalle Karlsruhe bis heute als Kunstbewahrer verklärt.

Zeigte Kurt Martin nach 1945  Reue ? Etwa bei seinem aggressiven  Druck zur Arisierung der Sammlung Bensinger? Nein, er hielt es nach wie vor für einen normalen Vorgang, berichtet Monika Tatzkow.601 Spätestens seit sie 2014 ihre Forschungen dazu publizierte, ist die weitere Verklärung Kurt Martins nicht mehr möglich. Unterschied sich Kurt Martin auf den ersten Blick noch vom aggressiven Vorgehen eines Karl Eptings in der Raubkunst durch mehr diplomatisches Geschick, zeigt sich hier eine völlig andere Seite, liest man den schockierenden Bericht von Monika Tatzkow.  Mit unerbittlich langem Atem jagte Kurt Martin hier nach seiner Beute.  Zuerst  setzte er Bensinger  unter Druck, ihm das Beste seiner Sammlung zu schenken, die mit van Gogh, Renoir und mehr gut bestückt war . Der Bescheid zur Beschlagnahmung folgte, Bensinger starb an Herzversagen, den Brief auf dem Tisch. Kurt Martin setzte gleich darauf die trauernden Angehörigen unter Druck, der Verstorbene habe ihm  mündlich  Werke kostenlos zugesagt. Doch Bensinger hatte sich abgesichert,  im Testament kurz vor dem Tod alles Verwandten mit einem arischen Elternteil zugesprochen, bei denen man nicht beschlagnahmen konnte – noch nicht, denn die Gesetze wurden laufend verschärft.  Die Zeit spielte für Kurt Martin.  Die Erben versuchten verzweifelt bei den Behörden, ihr Erbe antreten zu können.  Immer wieder gestört von Kurt Martin, der seine Forderungen erhob: „Ein Jude (darf) auch auf dem Testamentweg nicht über seinen Kunstbesitz verfügen“. Schließlich ging es bei den Erben nur noch um die nackte Haut und  die Angehörigen verschenkten die ganze Sammlung an  den Chef des Auslandsgeheimdienstes Canaris, der ihnen dafür zur Flucht verhalf – nur nichts in die Hände von Kurt Martin.601

Der Raubkunstbasar nach 1945

1957 wurde Kurt Martin Nachfolger von Ernst Buchner, ehem. antisemitischer Kampfbund, der bis 1956 Leiter der Pinakotheken und Generaldirektor der staatlichen Gemäldesammlungen in Bayern war. Die bayrischen Museen suchten jemand, der das Erbe Buchners in ihrem Sinne verwaltet. In die Amtszeit von Kurt Martin in Bayern der Nachkriegszeit fiel auch die Rückgabe umstrittener Erwerbungen an die Familien der NS-Funktionäre Göring, von Schirach, Frank, Streicher508 , die nach dem Krieg zuerst beschlagnahmt wurden, jetzt den Erben der NS-Größen zurückzugeben oder verkauft wurden.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb im Juni 2016 unter dem Titel ‚Münchens Raubkunstbasar‘: “die ‘Monuments Men‘ haben die Nazi-Raubkunst aufgespürt. Doch dann kommt den deutschen Museumsdirektoren der Nachkriegszeit nichts Besseres in den Sinn, als einige der Gemälde den Angehörigen von NS-Größen zu verkaufen – statt sie den Familien der jüdischen Opfer zurückzugeben.“ 508

Zwei engagierte Autoren recherchieren hier seit Jahren für die Süddeutsche Zeitung: Catrin Lorch und Jörg Häntzschel. Die Süddeutsche in einem weiteren Artikel vom Juni 2016:

„Bis 1949 prüfen die Monuments Men jedes Werk, schicken vieles zurück in die Herkunftsländer. Dann kündigt sich der Kalte Krieg an. Die Amerikaner ziehen ab, geben die 10 600 nicht restituierten Werke in die Verantwortung des bayerischen Ministerpräsidenten Hans Ehard. Die Monuments Men stellen nur eine Bedingung: ‚Dass die Untersuchung der Herkunft der Bilder fortgesetzt wird.‘ Ehard überlässt die Aufgabe dem Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Eberhard Hanfstaengl, einem Cousin von Hitlers engem Weggefährten Ernst Hanfstaengl (…)

München, einst ‚Hauptstadt der Bewegung‘, ist das ideale Biotop für die Raubkunst-Mauschelei (…) Da ist Ernst Buchner, Hanfstaengls Nachfolger als Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen. Er hatte die Sammlungen schon von 1932 bis 1945 geleitet, die Monuments Men hatten ausdrücklich empfohlen, dass ihm ‚eine Position in einer neuen deutschen Kunst-Verwaltung dauerhaft verwehrt‘ werden müsse. Auch viele seiner Mitarbeiter und Nachfolger haben am Kunstraub mitgewirkt (…)

Die Deutschen stehen da mit Tausenden Kunstwerken ermordeter Juden. Doch die Nachkriegsbeamten denken nicht an die Vorbesitzer, erforschen keine Provenienzen. Sie teilen den Schatz untereinander auf. Es gibt Kunstbörsen, bei denen sich Museen und Behörden bedienen. Ein Gemälde aus Görings Besitz landet im Petersberg-Gästehaus der Bundesregierung, eine Canaletto-Kopie aus Hitlers Kollektion bei der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Bonn.

Was nicht gewollt wird, gilt als ’nicht museumswürdig‘ und ‚unbrauchbar‘, die Museumsleute werden es ‚verwerten‘. Mit der ‚Verwertung‘ jüdischer Kunstsammlungen hatten die NS-Behörden die Kassen des Hitler-Staats gefüllt, nun verwertet die Bundesrepublik: Die ersten Versteigerungen veranstalten die Finanzbehörden Ende der 40er-Jahre, die Preise beginnen bei drei Mark.

Später übernehmen führende Auktionshäuser den Verkauf. Mindestens eines davon, die Münchner Firma Weinmüller, hatte geraubte Kunst auch in der NS-Zeit versteigert.“ 523a

Der Artikel stammt aus dem Jahr 2016 – hat sich in den Jahrzehnten nichts geändert?  Die Süddeutsche Zeitung fährt fort:

„Aufklärung, davon sind die Münchner Museumsleute weit entfernt. Sie arbeiten nicht mal mit anderen deutschen Behörden zusammen. Seit Jahren fordert Margit Ksoll-Marcon, Generaldirektorin der Bayerischen Staatsarchive, Einblick in die Museumsdokumente: ‚Behörden sind laut Archivgesetz verpflichtet, uns ihre Unterlagen zugänglich zu machen. Die Gemäldesammlungen sind eine Behörde.‘ Es ist ein Appell, der folgenlos verhallt: ‚Wir haben nicht ein Stück Papier von den Gemäldesammlungen.'“ 523a

„Das Museum mauert“ titelt die Süddeutsche später nochmals523 – und zeigt, wie wichtig es ist, bei kritischen Themen mit Folgeberichten nachzuhaken.

Auch Monika Tazkow berichtet, „anders als im Ausland  bleiben mir die hiesigen Museumsarchive in der Regel verschlossen“, mit wenigen Ausnahmen.602

Bis heute gibt es noch tausende ungeklärter Fälle.  Die Süddeutsche Zeitung dazu weiter:

„Vertreter der Gemäldesammlungen selbst sprechen von 3500 Verdachtsfällen. In der Datenbank ‚Lost Art‘ führen sie Hunderte Werke namentlich auf, darunter solche von Weltrang (…) Hans Baldungs „Bildnis eines Johanniters“, Gemälde von Tintoretto (…) Behörden und Museen behelfen sich seit Jahren mit Versprechungen: Wir arbeiten das auf (…)  Die Realität sieht anders aus. Museen wie die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gehen bis heute mit Raubkunst um, als sei sie ihr Eigentum. Sie lassen die Erben der rechtmäßigen Besitzer und deren Vertreter an der Bürokratie abprallen; sie erschweren damit Restitutionen oder verhindern sie ganz.“ 523a

 

Heilbronn und Karlsruhe:  Fortschritte kommen langsam

Klaus Schrenk ist ein Nachfolger von Kurt Martin, als Leiter der Kunsthalle Karlsruhe ebenso wie später als Leiter der Pinakotheken und Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. In beiden Häusern wurde er gebraucht, das Erbe von Kurt Martin in ihrem Sinne zu verwalten.

Kurt Martin erscheint auf der Homepage der Kunsthalle Karlsruhe bis heute noch in der stolzen Reihe der Direktoren als Beschützer der Künste510 wie in anderen Publikationen des Hauses 604

Fragwürdige Praktiken im Umgang mit Raubkunst sind unabhängigen Restitutionsforschern wie Monika Tatzkow und Gunnar Schnabel ein Dorn im Auge. Ihre Forschungen sind umso wertvoller: kritische Stimmen schützen den Ruf der Wissenschaft, der durch Gefälligkeitsgutachten der Museen und Archive in eigener Sache Schaden zugefügt werden kann.

Tatzkow und Schnabel haben gerade deshalb das heiße Eisen angepackt, wie ihr Interview in der Welt von 2007 deutlich macht: „Es fällt auf, dass der Auslöser für intensive Forschungen immer ein Skandal war“, berichtet Schnabel. Er nannte dabei Deutschland in Sachen Raubkunst ein „Paradies der Diebe und Verbrecher“ – das klingt zunächst polemisch überspitzt, doch bestätigt noch im Januar 2018 Sophie Schönberger, Professorin für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Konstanz in einem Artikel für die Süddeutsche die äußerst schlechte Rechtssituation der Verfolgten und Erben. Schönberger beschreibt die Schlupflöcher, zum Beispiel wie man  sich nach deutschen Recht Raubkunst „ersitzen“ kann und meist selbst nach eindeutigem Nachweis von Raubkunst nicht zurückgeben muß und schlußfolgert, das Erben „in aller Regel“ bei Raubkunst, die verfolgungbedingt entzogen wurde, keinen durchsetzbaren rechtlichen Anspruch auf das Werk mehr haben. „Auch an dieser Situation haben Bundesregierung und Bundestag bis heute nichts geändert“, schreibt Schönberger . Es scheint, als ob eine Rückgabe nur ‘freiwillig‘ erfolgen könne, was in den Museen auf wenig Begeisterung stößt, zumal viele Fälle aus einem Sumpf mit vielen widersprüchlichen Geschichten stammen. Also hält man meist an dem ‚Besitz‘ fest und gibt in wenigen, eindeutigen Fällen Werke zurück. Unter diesem Licht versteht man auch besser, weshalb Deutschland sich für das Washingtoner Abkommen von 1998 einsetzte, in dem sich die Länder freiwillig zur Aufarbeitung der Raubkunst verpflichten, solange es ‚freiwillig‘ stattfindet, anstelle Gesetze zu machen, die konkretes Recht schaffen wie im Ausland, wo die Rechtsansprüche der Verfolgten bei Raubkunst gesetzlich deutlich besser verankert sind.

Tatzkow benannte im Interview mit der Süddeutschen im Jahr 2007 ein weiteres Kernproblem, den “Mangel, dass in die Provenienzforschungsgruppe der Museen keine unabhängigen Forscher einbezogen werden“. Seit ihrem Buch änderte sich einiges – doch nicht überall.

Noch im Jahr 2018 beklagt Ronald Lauder, der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses dazu die Situation in Deutschland: „Wenn man aber mit den Nachwuchskräften auf dem Gebiet der Provenienzforschung spricht, ist man dort oft der Meinung, dass es weder genügend finanzielle Mittel noch genügend Möglichkeiten für eine unabhängige Forschung gibt. Diese jungen Experten müssen oft für ein öffentliches Museum mit befristeten Verträge arbeiten. Oftmals fühlen sie sich dem Druck ausgesetzt, ihre Forschung im Interesse der Museen auszuüben, und diesen damit zu helfen, die Kunstwerke zu behalten. Ob dieses Gefühl gerechtfertigt ist oder nicht, ist eine Frage. Möglicherweise werden wir auf eine wirkliche Veränderung warten müssen, bis die Mitglieder der jungen Generation die Direktoren der Museen beziehungsweise die Besitzer von Privatsammlungen werden. Für die Überlebenden wäre das allerdings viel zu spät.“

Wenn man erst auf einen Generationenwechsel hoffen muß, wird einem klar, in welchen zeitlichen Dimensionen Fortschritte zu erwarten sind: es wird noch viele Jahre  dauern.

Der Vorsitzende des jüdischen Weltkongresses hat auch in einem weiteren Punkt recht: die junge Generation will keine Raubkunst mehr in den Museen sehen, keine Werke mit zweifelhafter Geschichte, auch wenn man juristisch am Besitz festhalten kann. 525

Ronald Lauder, Vorsitzender des  jüdischen Weltkongresses sprach noch im Februar 2018 gegenüber der Süddeutschen Zeitung das Problem der Zwansgversteigerungen an: „Es scheint, als ob die Menschen einen Schritt zurück gehen wollen (…) und die Rückgabe von gestohlener Kunst (…)  durch die so genannte Zwangsversteigerung, Fluchtgelder und dergleichen verweigern wollen.“525

Es gibt auch positive Entwicklungen: seit dem Washingtoner Abkommen gibt es an vielen Museen neue Bemühungen.  Anzeichen, die Kritik aufzunehmen – auch in Stuttgart und Karlsruhe?

Und Heilbronn?  Raubkunst im Salzbergwerk Heilbronn bis 1945 sollte besser aufgearbeitet werden. Die Stadt sollte mehr unabhängige, kritische Geister wie Monika Tatzkow gewinnen oder (be)fördern.

Hier  kann sich noch viel bewegen. Transparenz und Öffentlichkeit ist eine Kraft mit langem Atem. Öffnen wir die Akten, nutzen wir das Internet für eine weltweite, offene, unabhängige Kommunikation und Forschung.

Sobald es ans Eingemachte geht, Besitzstände, Karrieren, bis tief in die Institutionen heute, kommen Veränderungen sehr langsam – wir alle, kritische Autoren und eine aufmerksame Öffentlichkeit können das ändern.

 

Teil I  – Fragen bleiben offen

Teil II – Spur der Rubensbilder

Teil III: Die Raubkunstlisten

Teil IV – Spur der Rubensbilder – Teil IV

 

 

Fußnoten, Quellen

Nutzungshinweise: für bessere Übersichtlichkeit empfiehlt es sich, die Quellen in einem zweiten Browserfenster zu öffnen, so kann zwischen Text und Fußnoten einfacher gewechselt werden.

279-3 Das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993

Januar 1942 wurde im Karl Eptings Institut in Paris die neue Abteilung einer kunst­historischen Forschungsstelle gegründet, in der Göring einen Berater und Agenten für Raubkunst fand, wie Michels berichtet.

Die neue Abteilung des Instituts wurde in Kooperation der Botschaft und des Instituts mit dem Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung sowie der Kunstschutzabteilung der Militärverwaltung geschaffen, die einen Referenten als Mitarbeiter der neuen Abteilung des Instituts stellte, der den Kunstraub unterstützte (Hermann Bunjes), ganz im Gegensatz zu den eigentlichen Intentionen von Wolff Graf von Metternich also mehr der Praxis von Epting und Abetz entsprach. Diese hatten sich die kulturpolitische Leitung der neuen Abteilung bei der Gründung zusichern lassen.

Zitat aus dem Buch Seite 93-94:

„Neben der wissenschaftlichen Arbeit betätigte sich Bunjes aber auch als kunsthistorische Berater und Agent Görings in Paris, der diesen bei seinen Besuchen in der französischen Hauptstadt über die zu beschlagnahmenden Kunstwerke und die Frage des ob Transportes nach Deutschland beriet. Bunjes war damit das ‘schwarze Schaf’ des Referates Kunstschutz der Militärverwaltung. Im Gegensatz zu den anderen Mitarbeitern dieses Referates unter Graf Wolff Metternich, die eine völkerrechtswidrige Wegnahme französischer Kunstschätze durch die Botschaft, den Einsatzstab Rosenberg und Göring zu verhindern trachteten (…), leistete er dem Kunstraub durch sein Wissen Vorschub262. Dabei richteten sich Görings und Bunjes Blicke 1942/43 insbesondere auf den sogenannten Baseler Alter, den Heinrich der Zweite 1020 der Baseler Kathedrale gestiftet hatte und der im 19. Jahrhundert vom Louvre erworben worden war, und auf den Genter Altar von Jan von Eyck, den die belgische Regierung 1940 der französischen zu Verwahrung übergeben hatte (..) Die deutschen Forderungen nach den beiden Altären fand bei Erziehungsminister Abel Bonnard, einem überzeugten Kollaborateur, dem auch die Direction des Beaux-Arts unterstand, Gehör. Er wollte die beiden Altäre Deutschland als Zeichen guten Willens überlassen. Man stellte ihm dafür die Entlassung französischer Deutschlehrer aus der deutschen Kriegsgefangenschaft in Aussicht. Allerdings kam es aufgrund der Kriegsentwicklungen nicht mehr zum Abtransport der Kunstwerke. Dazu Fußnoten: 262 Vergleiche grundsätzlich Bargatsky, Bericht über die Wegnahme. Bunjes als ‘schwarzes Schaf’ der Militärverwaltung: Walter Bargatsky, Hotel Majestic. Ein Deutscher im besetzten Frankreich, Freiburg/Basel/Wien 1987, S. 71 und 74 (…)
263 AN – 3W82 (Procés Bonnard) und F17/13368.

319 Schatzkammer Salzbergwerk, Seite 93-94, Christhard Schrenk, Stadtarchiv Heilbronn 1997

319-2 ebenda, Seite 93, Zitat:

“Die weiteren Untersuchungen zeigten, dass von den Beständen der Direktion der oberrheinischen Museen und der Kunsthalle Karlsruhe mehr als 150 Gemälde und fast 300 grafische Blätter illegal erworben worden waren73. Am 11. Oktober 1945 gingen davon 101 Gemälde in 29 Kisten auf vier Lastwagen an die Kunstsammelstelle Wiesbaden. (…) im Anschluss daran wurde begonnen, die zweite Wiesbadener Sendung vorzubereiten. Hierfür wurden insbesondere die Krefelder und die Kölner Bestände durchsucht und dabei Gemälde von Auguste Renoir, Gustave Courbet, Claude Monet, Maurice Utrillo und anderen Meistern identifiziert, die 1941 in Frankreich erworben worden waren. Entsprechendes traf auf eine Sammlung (15 Kisten) von Marmor-Aufsätzen, Spiegeln, Vasen und Lampen zu, welche der Kölner Kunsthändler Georg Fahrbach in Frankreich gekauft hatte 76. Als gleichfalls unrechtmäßig wurden eine Kiste mit wertvollen Manuskripten und russischen Ikonen sowie Werke von Guido Reni, Jan Breugel, 77 und Peter Paul Rubens eingestuft.”
Anmerkungen dazu:

73 ein genaues Verzeichnis dieser Werke – Z. B. Aus dem ehemaligen Besitz von Siegfried Reiss – ist erhalten geblieben: HStA Stuttgart, RG 260 OMGWB 12/8-3/13 (3 of 6; 4 of 6)
74 StA Ludwigsburg, EL 402 Heilbronn lfd. Nr. 238, Berichte an MFA & A: Weekly MFA & A Report vom 18. Oktober 1945.
75 HStA Stuttgart, RG 260 OMGUS 3/438-1/11 (2 of 2): MFA & A Collecting Point Report for the Month of March, 28. März 1946

76 StA Ludwigsburg, EL 402 Heilbronn lfd. Nr. 238, Reports: Special Report of the Collecting Point Repository at the Heilbronn und Kochendorf Salt-Mines vom 15. Februar 1946.

77 Dabei handelt es sich um das Werk “ Der Zehentgroschen“, StA Ludwigsburg, EL 402 Heilbronn lfd. Nr. 309: Report of Property Transactions vom 18.Juni 1947

319-2b ebenda Seite 90, Zitat: Von größter Bedeutung war ein Dokument, in welchem der „Treuhänder für Besitztümer der Feinde des Dritten Reiches“ 12000 im Elsaß beschlagnahmte Gegenstände verzeichnet hatte47. Ebenso kam in Heilbronn eine Liste der Erwerbungen der Kunsthalle Karlsruhe zum Vorschein48, in Kochendorf ein Verzeichnis des Stuttgarter Altertumsmuseums. Diese Aufstellungen wurden auch anderen Kunsteinlagerungsstellen zur Kenntnis gegeben. Umgekehrt erhielt Ford verschiedene Inhaltsverzeichnisse bzw. Kataloge und Erwerbungsdaten von anderen Museen, z. B. solcher in Mannheim, Köln49, Krefeld und Stuttgart. Mit Hilfe dieses Materials wurden um fangreiche Listen mit Angaben über die Besitzernationen erstellt, welche wiederum als Grundlage für die Rückgabe dienten50.

 

47 James J. Rorimer hatte es im September 1945 von Dr. Martin bekommen; vgl. Abschnitte 2 d und 5 c.

48 H S tA Stuttgart, R G 260 OMG WB 12/89-3/13 (6 fiches): List of Fine Arts and Pictures.

49 Für das Wallraf-Richartz-Museum in Köln wurde im Juli/August 1945 von Otto H. Förster

ein 27 Seiten umfassender Bericht über den Ausbau der Gemäldegalerie von 1933 bis

1944 gefertigt; (HStA Stuttgart, RG 260 OMG WB 12/90-1/5 (2 o f 2): Der Ausbau der Gemäldegalerie des Wallraf-Richartz-Museums von 1933 bis 1944).

50 Ford , Monuments, S. 16-17

 

319-2c ebenda , Zitat:

„Auch konfiszierte jüdische Kunstobjekte, welche in deutsche Sammlungen überführt worden waren, wurden entdeckt, z. B. in den Beständen des Landesmuseums Karlsruhe, der Kunsthalle Karlsruhe (Gemälde von Rubens)…“

 

319-2d ebenda,  Seite 188

319-3 der Kunsthandel Georg Fahrbach in Köln existiert seit 125 Jahren. In der Selbstdarstellung heißt es noch heute: “Seit über 125 Jahren restaurieren wir fachgerecht und sorgfältig antike Möbel und handeln mit erlesenen Antiquitäten aus der Zeit Ludwig des XV. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert.”

 

324 „Landschaft mit brennender Stadt“ von Herri Met de Bles aus dem Jahr 1500.

siehe Bosten Fine Arts Museum

In den letzten Wochen des Dritten Reichs wollte Göring das Gemälde wie andere Teile seiner Sammlung nach Berchtesgaden bringen lassen, auf dem Weg wurden Teile der Transporte von Alliierten abgefangen, Teile gelten vermutlich wegen Plünderungen u.a. als vermisst, ungeklärt auch die Odyssee dieses Gemäldes. Siegfried Aram will es von einem New Yorker Restaurator erhalten haben, auf Nachfrage soll er widersprüchliche Informationen zur Herkunft erhalten haben, die  als fingiert (wörtlich “fabricated”) eingestuft werden, wie das Boston Fine Arts Museum mitteilt, in deren Sammlung sich das Gemälde ungeklärter Provenance derzeit befindet. 324

443 siehe Deutsches Zentrum für Kulturverluste, Datenbank (lostart.de) Einträge zu Westfeld, Walter sowie Auktionskatalog Lempertz von 12.12. 1939

444 Speers Täuschung, Dokumentarfilm, Uli Weidenbach, ZDF, 2011

Zu Auktionshaus Lempertz siehe u.a. Firmenhomepage und Firmengeschichte auf Wikipedia.

445 Karl Haberstock als Kunsthändler der Naziführer von Jonathan Petropoulos in “Überbrückt. Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus. Kunsthistoriker und Künstler 1925-1937″, Hrsg. Eugen Blume, Dieter Scholz, Köln 1999, S. 260

Nachdem auf Führerbefehl in Museen und staatlichen Sammlungen ‘entartete’ Kunst beschlagnahmt wurde, sollte nachträglich eine gesetzliche Grundlage dafür geschaffen werden. Goebbels nutzte dabei die Expertise von Haberstock für seine Initiative für das “Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst” vom 31. Mai 1938. Es ermöglichte den rückwirkenden und entschädigungslosen Einzug von ‘entarteter’ Kunst, die zuvor aus Museen oder öffentlich zugänglichen Sammlungen beschlagnahmt worden war.

Siehe auch Restitution ‚Entarteter Kunst‘ – Sachenrecht und Internationales Privatrecht. Hans Hennig Kunze, Berlin 2000, S 43

446 Horst Keßler: Der Kunsthändler als Opportunist – Karl Haberstock im „Dritten Reich“. In: Maike Steinkamp, Ute Haug (Hrsg.): Werke und Werte – Über das Handeln und Sammeln von Kunst im Nationalsozialismus. Berlin 2010, S. 26.

Um gegenüber allen Seiten abgesichert zu sein, Kunstschutz der Wehrmacht, Stab Rosenberg, der Göring unterstand u.a., wurde Haberstock mit Unterstützung Hitlers mit allen wichtigen Papieren ausgestattet, Spezialernennung zum Berater des Direktors für den Sonderauftrag Linz, ein Schreiben des Adjutanten der Wehrmacht, einen von Göring unterzeichneten Brief und ein Schreiben des Oberkommandierenden der Kunstschutz-Division der Streitkräfte in Frankreich. Damit konnte er in Frankreich freier agieren als die meisten anderen, konnten Lieferungen und Reisen einfacher abgesichert werden.

447 Spiegel Online vom 3.9.2007, Kunst und Kriegsverbrecher, von Stefan Koldehoff

Zitat: Hermann Göring hatte das “Stillleben mit Früchten und Wild” 1941 aus der Pariser Sammlung Edgar Stern beschlagnahmt. Einen Monat später übernahm Karl Haberstock das Bild, und um 1968 erwarb es dann ein amerikanischer Privatsammler von Karl von Pöllnitz. (Zitat Ende)

448  Interviewaussage von Prof. Hanstein  im Dokumentarfilm “Speers Täuschung” von Uli Weidenbach, ZDF, 2011 sowie Spiegel Online vom 3.9.2007, Kunst und Kriegsverbrecher, von Stefan Koldehoff , Zitat: ” Das Geld habe Speer in bar erhalten, offenbar an der Familie vorbei, um davon seine heimliche Geliebte zu finanzieren: “Nein, er hat nie eine Unterschrift geleistet”, erinnert sich Hanstein. Knapp eine Million Mark flossen auf diese Weise in Speers Kasse. Nach Speers Tod meldete sich dessen Witwe bei Hanstein und fragte, wo denn das ganze Geld aus den Kunstverkäufen geblieben sei.”

 

449 Reconstructing the record of Nazi Plunder – a survey of the dispersed archives of the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR)

Patricia Kennedy Grimsted, In association with the International Institute of Social History (IISH/IISG), Amsterdam and the NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies, Amsterdam,with generous support of the Conference on Jewish Material Claims Against Germany (Claims Conference) (c) 2011, Abschnitt 2.1.1.2 Karton RA 218, Folder 6

449b)  Themenfelder für weitere Nachforschungen z. B. zu dem an der Deutschen Botschaft in Paris attachierten Kunsthändler Adolf Wüster:

Carton 105/34 (earlier RA 105/34/A25/[483]) – [from Berlin SRPOA]

[RV title] “Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg III,” 1946–1952:

Collection Schloss, and Affaires Scholz, Sieger, Wendland, Wüster

Postwar research Files by Rose Valland (S–W):

 

(…) Dealers Erwin Sieger, Hans Wendland, and Adolf Wüster, with considerable

correspondence and reports about sales and restitution research.

450 Art of Defeat: France 1940 – 1944, von Laurence Bertrand Dorléac, Getty Research Institute, 2008, Los Angeles, Kapitel Parisien High Society

In einem Empfang zu Arnold Breker im Hotel Ritz am 14. Mai 1942 findet sich Haberstock direkt neben Epting auf der Gästeliste. Fußnote 71

 

451 Graf Metternich vom Kunstschutz der Wehrmacht bezeichnete Epting und Abetz als moderne Freibeuter in seinem Tätigkeitsbericht, siehe: Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers, Roland Rey, Zitat zu „Freibeuter“ Seite 344, dazu Quellenangabe Anmerkung 24, Metternich, ‘Über meine Tätigkeit“, pag. 11ff.

452 „Auch im Kriege schweigen die Musen nicht – Die deutschen wissenschaftlichen Institute im Ausland“, Frank Rutger Hausmann, Vandenhoeck & Ruprecht, 2002, Seite 126

453 Rechtlich wird unter verfolgungsbedingtem Entzug nicht allein die Wegnahme oder Beschlagnahme gefasst, sondern auch die Weggabe aus Verfolgungsgründen. Bereits in der direkten Nachkriegs- und Besatzungszeit in Deutschland trug die alliierte Gesetzgebung insbesondere mit dem Militärregierungsgesetz Nr. 59 dem Umstand Rechnung, dass verfolgte Personengruppen bereits ab 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, in Zwangslagen gerieten und nicht frei über ihr Vermögen verfügen konnten. So kann auch der Verkauf von Kunstwerken zur Bestreitung des Lebensunterhaltes nach Wegbrechen existentieller Grundlagen oder zur Finanzierung der Emigration, sogenannte Fluchtverkäufe, als Raubkunst bewertet werden.

siehe Inka Bertz, Michael Dorrmann (Hrsg.): Raubkunst und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Herausgegeben im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin und des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2008, S. 9., Textzusammenfassung dazu oben entnommen aus Wikipedia-Artikel zu Raubkunst.

454 Tessa Friederike Rosebrock: „Kurt Martin und das Musée des Beaux-Arts de Strasbourg. Museums- und Ausstellungspolitik im ‚Dritten Reich‘ und in der unmittelbaren Nachkriegszeit“, Akademie-Verlag, Berlin 2012

Das Buch wurde zuerst als  Dissertation im Mai  2010 an der FU Berlin vorgelegt.

454 b) ebenda Rosebrock, „Kurt Martin“ S. 100 und Dok. 7.

454 c) ebenda Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 83 f.

454d) ebenda Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 353, Dok 4

454e) ebenda Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 96 und Dok 6.

454f) Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 353, Dok 4

454g) Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 161.

454f) Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 131-136

454h) ebenda mit Fußnote V, 127 Vgl. Buomberger, 1998 S 34.

454i) ebenda Kapitel Haushalt 1941/42 Parisreisen, u.a. am 11. Mai 1941 „erfuhr  Martin (…) dass die auszahlung der Gelder offebar scheiterte, dass die Pariser Bankgesellschaft neuerdings zusätzlich auf einer auszahlungsgenehmigung der französischen Regierung bestand“ mit Fußnote 186 sowie zu „für die Zukunft….nur noch mit Bargeld“ Fußnote 188 Brief Martin an Wüster 14.5.1941, in: GLA 441 Zug. 1881/170, Nr. 380 (Dossier: Ecole allemand, Meister von Straßburg, Baroccio, Verbruggen, Nature Morte, ecole franc. Fin 16e siecle)

454k) ebenda, siehe Textstellen zu Gurlitt und  Haberstock im Buch

Sowie Ernst Klee, Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 395.

455 siehe u.a. Kurt Martin: Verzeichnis der von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe seit 1933 aus jüdischem Besitz erworbenen Gemälde, Zeichnungen und druckgraphische Blätter. Karlsruhe, 28. Januar 1947. In: US-NARA, RG 260, M1947. Textual records created at the Wiesbaden Central Collecting Point. Roll 1. General Records. Art Intelligence: Kunsthalle. Blatt 1–11; s. a. Marlene Angermeyer-Deubner: Die Kunsthalle im Dritten Reich. in: Stilstreit und Führerprinzip. Badischer Kunstverein Karlsruhe, Karlsruhe 1987, S. 139, 155. und Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 101.

Georg Patzer: „Monument Men“ in Karlsruhe. In: Jüdische Allgemeine, 18. Februar 2014

Siehe auch Datenbank Lost Art.

500 Badische Werkkunst Jahrgang 1934/35, August., S. 1–4 und Durlacher Tagblatt, Ausgabe vom 14. Mai 1934.

501 ‚Praktisch zertrümmert‘. Die Kunstsammlung Adolf Bensinger, Mannheim von Monika Tatzkow,  aus: „‚Arisierung‘ in deutschen Städten“, Hrsg. Christiane Fritsche, Johannes Paulmann, Köln, Weimar, Wien, 2014, S. 260–283

501b siehe oben und Seite 272 sowie Rosebrock: „Kurt Martin“, S. 100 und Dok. 7

502 Bernhard von Hülsen: Szenenwechsel im Elsass: Theater und Gesellschaft in Straßburg zwischen Deutschland und Frankreich 1890 – 1944. Leipzig 2003, PUB-ID 2434977, S. 361

503 Gunnar Schnabel, Monika Tatzkow: „Nazi Looted Art. Handbuch. Kunstrestitution weltweit“, Berlin 2007, S. 265ff;

Paul Graupe (Hrsg.): Die Bestände der Firmen Galerie van Diemen & Co., GmbH – Altkunst, Antiquitäten, GmbH: beide in Liquidation; II. (letzter) Teil; am 26. und 27. April 1935 (Katalog Nr. 142), Losnummer 80, Digitalisat Universitätsbibliothek Heidelberg

zur Galerie siehe Eintragung auf www.lostart.de: Jüdische Sammler und Kunsthändler (Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Enteignung) zur Neubewertung dieser Versteigerung siehe UK Spoliation Advisory Panel Report vom 16. September 2015

504 INKA Stadtmagazin Karlsruhe, Interview mit Pia Müller-Tamm

vom 22.09.2009

505 Brief von Hans Posse an Martin Bormann. Dresden, den 15. April 1941 und Abschrift des Berichts über die Sicherstellung von Kunstgut aus reichs- und volksfeindlichem Besitz im Elsaß. Der staatl. Bevollmächtigte für das Museumswesen im Elsaß. (gez.) Dr. Martin. Straßburg, 12. März 1941. In: US-NARA, RG 260. Administrative records, correspondence, denazification orders, custody receipts, property cards, Jewish restitution claim records, property declarations, and other records from the Munich CCP. Correspondence of Hans Bormann and Martin (!) Posse, April 41 – Juni 1941. Blatt 14–16.

506 Bernhard von Hülsen: Szenenwechsel im Elsass: Theater und Gesellschaft in Straßburg zwischen Deutschland und Frankreich 1890 – 1944. Leipzig 2003, PUB-ID 2434977

zum Budget von Abetz und Epting siehe auch Erwähnung in „Mut zur Erinnerung“ sowie  Jürg Altwegg, „Der Mythos der Resistance bröckelt“ 20.3.1981 Wochenzeitung die ZEIT, Zitat:  „In einem Verhör durch die amerikanische Armee gab Schleier nach dem Krieg an, Abetz hätte für die kulturelle Propaganda eine Milliarde Francs ausgeben können. In seiner Aufzählung der “subventionierten” Institutionen finden sich Zeitungen, vor allem aber Theater und politische Gruppierungen. Die Presse wurde nicht durch Terrormaßnahmen, sondern mit den subtileren Mitteln der Verführung und Korruption “gleichgeschaltet”.“

507 Der Führer, Sonderausgabe 17.11.1940, „Museen am Oberrhein“

508 Münchens Raubkunstbasar – Die „Monuments Men“ haben die Nazi-Raubkunstaufgespürt. Doch dann kommt den deutschen Museumsdirektoren der Nachkriegszeit nichts Besseres in den Sinn, als einige der Gemälde den Angehörigen von NS-Größen zu verkaufen – statt sie den Familien der jüdischen Opfer zurückzugeben

2016 Süddeutsche Zeitung 25 Juni 2016 von Catrin Lorch und Jörg Häntzschel sowie Archiveintrag auf lootedart.com vom 27. Juni 2016, Nazi-Looted Art returned by Germany to the high-ranking Nazis who looted it rather than returning it to rightful owners

509 Fundmeldungen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Stand 20. November 2014.

510 Zitat aus „500 Jahre Geschichte“, Homepage der Kunsthalle Karlsruhe, Stand September 2018

„Seit September 1934 leitete der Kunsthistoriker Kurt Martin die Gemäldegalerie bis in die Nachkriegszeit. Indem er das Haus unter dem Vorwand einer kompletten Neuordnung kurz nach Antritt seiner Stelle schloss, bewahrte er wichtige Werke vor dem Zugriff der Nationalsozialisten und prägte die Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem durch den Erwerb von Kunst des 20. Jahrhunderts.

Kurt Martin folgten Jan Lauts, Horst Vey und Klaus Schrenk im Amt des Direktors der Kunsthalle Karlsruhe.“

511 UK Spoliation Advisory Panel Report vom 16. September 2015 unter Buchstabe o) in der Begründungsliste zur Ablehnung der Ansprüche jüdischer Erben steht: “There is insufficient evidence to conclude that the Painting was sold at undervalue in October 1935.“ So lässt sich Notversteigerung anzweifeln, ob die Verfolgten dadurch Nachteile gehabt hätten – es ist eine Umkehr der Beweislast und richtet sich gegen die geltende juristische Auffassung, das ‚Handel‘, der verfolgungsbedingt zustande kam, wie bei der Liquidationsversteigerung der Fall, zu den missbräuchlichen Techniken der Raubkunst zählt. Mit der Scheinlegalisierung haben die Nationalsozialisten häufig noch bis heute Erfolg: Raubkunst filtert sich damit durch viele Grauzonen. 150 illegale Gemälde der Kunsthalle Karlsruhe waren im Salzbergwerk Karlsruhe gelagert und von den Alliierten zu Kriegsende erfasst worden, welche fanden wirklich ihren Weg zurück zu den ursprünglichen, meist jüdischen Besitzern? Welche bleiben im Besitz der Kunsthalle?

512  ALIU, Final Report, 83–84 sowie Datenbank Lost Art mit Eintrag zu Adolph Wüster

513 Wandel und Kontinuität – 50 Jahre Theodor Heuss Gymnasium – 380 Jahre Gymnasium, Festschrift des Gymnasiums, Heilbronn im Jahr  2000

514 siehe Nachruf des Rotary Club auf ihr Mitglied Karl Epting 1979 in der Pressemappe zur Person im Stadtarchiv Heilbronn.

515  Schatzkammer Salzbergwerk, Seite 93-95, Christhard Schrenk, Stadtarchiv Heilbronn 1997, Zitat

„Auch konfiszierte jüdische Kunstobjekte, welche in deutsche Sammlungen überführt worden waren, wurden entdeckt, z. B. in den Beständen des Landesmuseums Karlsruhe, der Kunsthalle Karlsruhe (Gemälde von Rubens)“

319 Schatzkammer Salzbergwerk, Seite 93-94, Christhard Schrenk, Stadtarchiv Heilbronn 1997

319-2 ebenda, Seite 93, Zitat: “Die weiteren Untersuchungen zeigten, dass von den Beständen der Direktion der oberrheinischen Museen und der Kunsthalle Karlsruhe mehr als 150 Gemälde und fast 300 grafische Blätter illegal erworben worden waren (…)“

319-2c ebenda, Zitat: „Auch konfiszierte jüdische Kunstobjekte, welche in deutsche Sammlungen überführt worden waren, wurden entdeckt, z. B. in den Beständen des Landesmuseums Karlsruhe, der Kunsthalle Karlsruhe (Gemälde von Rubens)…“

516 siehe Fußnote 319-2b

319-2b ebenda Seite 90, Zitat: Von größter Bedeutung war ein Dokument, in welchem der „Treuhänder für Besitztümer der Feinde des Dritten Reiches“ 12000 im Elsaß beschlagnahmte Gegenstände verzeichnet hatte (…)

517 siehe Fußnote 319-2d

319-2d ebenda, Seite 188

520

Zitat aus der Homepage der Kunsthalle Karlsruhe, Kapitel Provenienzforschung:

Auf der internationalen Konferenz über Holocaust-Vermögenswerte, die im Dezember 1998 in Washington stattfand, wurden von 44 Ländern elf Prinzipien verabschiedet, die zur Lösung offener Fragen und Probleme im Zusammenhang mit durch die Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunstwerken beitragen sollen. (…)

Seither sehen sich öffentliche Museen, Bibliotheken und Archive insbesondere in Deutschland der Aufforderung gegenübergestellt, ihre Sammlungen auf möglicherweise verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu durchsuchen. Dieser Verpflichtung kommt die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe nach. Für die Provenienzforschung am Haus ist seit April 2010 die Kunsthistorikerin Dr. Tessa Friederike Rosebrock zuständig. Diese Wissenschaftlerstelle wurde für drei Jahre finanziell von der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung in Berlin unterstützt, die mittlerweile in der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste aufgegangen ist. Seit Oktober 2013 werden die Mittel vollständig vom Land Baden-Württemberg gestellt; 2015 wurde die Stelle verstetigt.

521

Autor: Heinz G. Huber, Deutsch-französische Verständigung endete im Sumpf brauner Kollaboration, 18.2.2011, Baden Online, Verlagsgruppe Reiff Medien mit den Tageszeitungen für die Regionen Offenburg, Lahr, Kehl, Achern /Oberkirch.

Zitat: „Kurt Martin, der Chef der Karlsruher Kunsthalle, gehörte (…) zu den Sohlberg- Referenten (…) Organisiert hatten das Treffen (…)  Otto Abetz (…) Schon die Folgetreffen 1931 in der nordfranzösischen Stadt Rethel und 1932 in Mainz machten deutlich, dass vor allem auf deutscher Seite völkische Ideen im Vormarsch waren. Der Organisator Abetz führte mit Unterstützung des Gebietsführers der HJ für den Gau Baden den Sohlbergkreis weiter.“

522 siehe Danksagung im Buch „Kurt Martin“ von T.F. Rosebrock, 2012, AkademieVerlag Berlin

522d

Nazi-Raubkunst Baden-Württemberg gibt Gemälde zurück, 10. August 2015

Süddeutsche Zeitung, 10. August 2015, Autorenkürzel (c) pak

 

523 „NS-Raubkunst: das Museum mauert„von Catrin Lorch,  Süddeutsche Zeitung, 27.6.2016

Untertitel: Archivmaterial birgt Hinweise auf Geschäftsinteressen und Netzwerke.

Zitat: „Nun wird gefordert, dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ihre Unterlagen zur Provenienzforschung an das Bayerische Staatsarchiv überstellen – doch das will Generaldirektor Bernhard Maaz nicht.“

 

523a Umgang bayerischer Museen mit der NS-Zeit Emmy Göring will ihr Bild zurück

Die „Monuments Men“ spürten Nazi-Raubkunst auf. Doch manche Gemälde wurden Angehörigen von NS-Größen verkauft – statt an die Familien der Opfer zurückzugehen.

Von Catrin Lorch und Jörg Häntzschel 24. Juni 2016, Süddeutsche Zeitung

 

523b

Skandal um Bayerische Staatsgemäldesammlungen Bayerische Museen verkauften Raubkunst an Familien hochrangiger Nazis von Jörg Häntzschel und Catrin Lorch 25. Juni 2016

Eigentlich sollten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die Kunstwerke an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben. Stattdessen kamen Frau und Tochter von Hermann Göring zum Zug.

 

524 „Spaenle: Bayerische Behörden haben NS-Raubkunst verkauft“ von Jörg Häntzschel

Süddeutsche Zeitung 12.10.2016

Zitat: „Dass die Staatsgemäldesammlungen Henriette Hoffmann, der Tochter des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann und Ehefrau von Schirachs, ein Bild aus der Sammlung Hoffmann für nur 300 Mark zurückverkauften, erklärt er mit der „generellen Geringschätzung des 19. Jahrhunderts“ nach dem Krieg. In Wahrheit wurde das 19. Jahrhundert damals sehr geschätzt, weshalb Henriette Hoffmann das Bild wenige Monate später für 16 100 Mark weiterverkaufen konnte, das 55-Fache.“

 

525 „Ich vermisse den Versuch, das Problem ein für alle Mal zu lösen“ von Catrin Lorch Süddeutsche Zeitung, 13.2.2018

Ronald Lauder, der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, kritisiert Deutschland scharf für seinen Umgang mit NS-Raubkunst.

siehe auch Ronald Lauder über NS-Raubkunst und dem Titel  „Es sind immer die gleichen Ausreden“, 12.Februar 2018

 

526

NS-Raubkunst Privatsache Wie Deutschland die Aufarbeitung des Nazi-Kunstraubs an Sammler und Auktionshäuser delegiert – und die Erben der beraubten Juden weiterhin leer ausgehen lässt.

Von Sophie Schönberger, 12.1.2018, Süddeutsche Zeitung

 

527 Dokumentarfilm von Arte über die Monuments Men

„Hitlers Madonna Und Die Retter Der Raubkunst“

601 „Praktisch zertrümmert“ von Monika Tatzkow, aus: Arisierung und Wiedergutmachung in deutschen Städten, Köln, Weimar, Wien, Böhlau 2014, S. 261-283

über Kurt Martins Einstellung zum Fall Bensinger nach dem Krieg siehe Seite 277 und Generallandesarchiv Karlsruhe Abt.41 Zugang 1981-70 Nr. 390

602 Raub und Restitution: Kulturgut aus jüdischem Besitz 1933 bis heute, herausgegeben von Inka Herz im Auftrag des jüdischen Museums Berlin und des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, 2008

S.236 Tatzkow zum schwierigen Zugang zu Museumsarchiven.

603 Die Straßburger Museen in der Zeit von 1940-1944: Rückführung, Ankauf und Bergung von Kunstwerken unter Kurt Martin, von Tessa Friederike Rosebrock, Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg, 2006, Seite 99-122

604 Zwischen ideologischen und baulichen Zusammenbruch: die Kunsthalle im Nationalsozialismus, von Tessa Friederike Rosebrock, aus: „Bauen und zeigen: aus Geschichte und Gegenwart der Kunsthalle Karlsruhe“, Hrsg. Regine Hess, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, 2014, Seite 234-255

Kurz Martin wird im Text weitgehend als umsichtiger Kunstschützer verklärt. Seine problematischen Anfänge, in denen er sich gleich  zu Beginn dem Regime  mit der Gründung eines  Armeemuseums andient und viele weitere kritische Seiten bleiben ausgeblendet.

605 „Es ist nicht alles deutsch, was glänzt“ von Anja Heuß, aus: Das Geschäft mit der Raubkunst: Fakten, Thesen, Hintergründe, hrsg. von Matthias Frehner, Verlag Neue Züricher Zeitung, Zürich, 1998, Seite 111-114

606 „Die Vernichtung jüdischer Sammlungen in Berlin“ von Anja Heuß, aus: Das Geschäft mit der Raubkunst: Fakten, Thesen, Hintergründe, hrsg. von Matthias Frehner, Verlag Neue Züricher Zeitung, Zürich, 1998, Seite 97-103

607 „Der Wind hat sich gedreht“ von Anja Heuss, aus Newsletter zu Geschichte und Wirkungen des Holocaust,

608„Die Beuteorganisation des Auswärtigen Amtes: das Sonderkommando Künsberg und der Kulturgutraub“, von Anja Heuß, aus: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, im Auftr. des Instituts für Zeitgeschichte, München, De Gruyter Oldenbourg, 1998, S 535-556

609 „Die Gruppe Archivwesen im Spannungsfeld von Archivschutz und Kunstraub“ von Anja Heuss, aus: Pariser historische Studien, deutsch-französische Kultur und Wissenschaftsbeziehungen im 20. Jhd.: ein institutionengeschichtlicher Ansatz, München 2007, Oldenbourg Verlag, S. 155-166

610 „Fluchtgut, eine Forschungskontroverse“ von Anja Heuß und Sebastian Schlegel, aus: Jahrbuch / Klassik Stiftung Weimar, Göttingen 2018 Wallstein Verlag, S. 203-226

611 „Die Staatsgalerie Stuttgart in der Zeit des Nationalsozialismus“ von Anja Heuss, Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg Jahrgang 2015 Band 2013 Heft 14 Seite 47-58

612 Art Looting Investigation Reports (ALIU) der Kunstschutzoffiziere, Zitat zu Kurt Martin: „according to an authoritative source, however, he played a double game“,  list of red-flag-names, Index, zit. nach Yeides /Akinsha / Walsh 2001 S266, entnommen aus: Die Straßburger Museen in der Zeit von 1940-1944: Rückführung, Ankauf und Bergung von Kunstwerken unter Kurt Martin, von Tessa Friederike Rosebrock, Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg, 2006, Seite 118

613 Die Straßburger Museen in der Zeit von 1940-1944: Rückführung, Ankauf und Bergung von Kunstwerken unter Kurt Martin, von Tessa Friederike Rosebrock, Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg, 2006, Seite 110 , siehe auch  Fußnote 18 , Erlass Z II a 1786/39 (b) des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbidlung in Berlin vom 15.Mai 193 ist „Kurt Martin als Sachverständiger der Devisenstelle Baden ernannt worden. Diese Position beauftragte ihn zur Feststellung des Kunst und Kulturwertes von Gemälden und Kunstgegenständen in Privatbesitz. Martin war berechtigt, im Namen der Devisenstelle Termine festzusetzen und geeignete Kunstgegenstände in Sicherungsgewähr zu nehmen, d.h. den betreffenden Besitzern zu entwenden.“

614 ebenda, s. 115, „zusammen mit Gustav Rochlitz gilt er als der aktivste Zwischenhändler…“

615 ebenda, S.116, mit Fußnote Vgl. Schreiben Ruge an Martin, 5.2.1943 in: GLA 441 Zug 1981 (Dossier van Gogh, Cranach).

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