Sankt Peter und Paul – über die Baumeister der Barockkirche

LMZ Ausschnitt, jp dig

Franz Keller plante 1720 die Umwandlung des Baus, die sein jüngerer Bruder aus Neckarsulm ausführte. Dabei wurde auch das alte Dach abgerissen, die Wände etwas erhöht. Baumeister  und Stukkateur für den weiteren Innenausbau 1721 war Franz Joseph Roth. Er hatte drei Jahre zuvor die Deutschordenskirche in Ellingen ausgebaut, vieles ganz ähnlich wie später in Heilbronn: die Deckengemälde im Chor zeigen in beiden Kirchen die heilige Dreieinigkeit. In beiden Fällen lehnt der heilige Vater an der Weltkugel mit gleicher Haltung und Geste. In Ellingen setzte der Maler Johann Anton Pinck das  Motiv um.

Vergleich  Heilbronn und Ellingen (LAD Stgt u. wiki)

Auch das Motiv des heiligen Sohnes ist ähnlich, nur bei der Darstellung des heiligen Geistes ist Colomba in Heilbronn  innovativer: er zeigt einen glühenden Funkenregen, der aus einem Himmel heller Engelsköpfe  auf den Betrachter niederkommt.

Deckenbild des heiligen Geistes in Heilbronn  (Baumgärtner, 1930,LAD Stgt)

Bei den Motiven der übrigen Deckengemälde im Hauptschiff kommen die beiden starken Traditionslinien der Kirche zusammen: im Mittelalter war es eine Marienkirche, eine Wallfahrtskirche mit starker Marienverehrung – daher sind der Mutter Gottes Themen gewidmet. Im Deutschen Orden ist weiterhin die Kreuzvereherung ein zentrales Motiv – es bildet das zweite, dominierende Thema der Deckenmalerei im Heilbronner Deutschordensmünster. Die Themenwahl ist so schlüssig, dass man der Kirche wünschen könnte, diesen thematischen  Zweiklang wieder herzustellen, d.h. Maria wieder sichtbarer zu machen.

Betrachten wir nun die Bildmotive im einzelnen:

Was zeigte das große Rundgemälde, das hier angeschnitten am oberen Rand zu sehen ist?

LMZ u. jp dig

Die Literatur nennt hier die Darstellung der Himmelfahrt Maria. Ein vollständiges Bild  dieses Deckengemäldes scheint nicht erhalten geblieben zu sein. Mit einzelnen Fragmenten läßt sich dieses Bild wiederherstellen:

LMZ, Ausschnitt, privates Archivmaterial, Ausschnitt, © Bildarchiv Foto Marburg, Arthur Schlegel, Ausschnitt, dig jp

Aus dem Grab steigt  eine Wolkensäule auf, Maria wird in einem Lichtkegel in dem Himmel emporgehoben. Und plötzlich entwickeln die Fragmente eine metaphorische Kraft, wie die Mutter Gottes aus dem Dunkelheit der Auslöschung wieder sichtbar wird.

 

Die ursprüngliche Leuchtkraft der barocken Deckenmalerei lässt sich in  der Vergleichskirche in Ellingen erahnen.

Schloßkirche Ellingen  wiki

Schloßkirche Ellingen  wiki

Das Deckengemälde in Ellingen  zeigt die Legende der Kaiserin Helena, Mutter von Kaiser Konstantin. Sie zog im hohen Alter nach Jerusalem und fand in der Grabkammer Jesu drei Kreuze. Durch die Probe einer Totenerweckung wird der Legende nach das Kreuz Jesu ermittelt – deshalb die Graböffnung am unteren Bildrand. In Heilbronn hat das Grab am unterem Bildrand jedoch eine andere Bedeutung, nicht die Legende der Kaiserin Helena, sondern die Himmelfahrt Marias, sofern die Quellenüberlieferung hier richtig ist.  Maria Himmelfahrt wäre dann eine  Anknüpfung an die im frühen Mittelalter überlieferte Marienverehrung in der Vorgängerkirche von  Sankt Peter und Paul.

Was zeigt das zweite große Deckengemälde in Heilbronn über der Empore?

© Bildarchiv Foto Marburg, Arthur Schlegel, Ausschnitt

Die Literatur nennt hier „Verehrung und Triumph des Kreuzes“.  Doch  in der digitalen Aufbereitung der wohl einzigen Aufnahme des Deckengemäldes oben, das für die Wiedergabe  unten entzerrt wurde, deutet sich ein anderes Thema an:

© Bildarchiv Foto Marburg, Arthur Schlegel, Ausschnitt, digitale Aufbereitung jp

Eine Gestalt in den Wolken mit Lichtkranz reicht einen Gegenstand herab, der an einen wassergefüllten Lederbeutel erinnert (möglicherweise das Wasser des ewigen Lebens), rechts davon tragen Engel einen  Krug, am linken Rand hebt eine Figur eine Art Becher dem Spender der Gabe entgegen. Ein Tuch scheint sich unter der höchsten Figur mit dem Lichtkranz auszubreiten, ein Deutschordenskreuz deutet sich auf dem Tuch darauf  an.

Das Kreuz auf dem Tuch wird hier im Vergleich hervorgehoben:

© Bildarchiv Foto Marburg, Arthur Schlegel, Ausschnitt, digitale Aufbereitung jp

Die Kopfbedeckung der Figur mit dem Lichtkranz erinnert an eine Papstkrone oder die Kopfbedeckung eines Priesters aus dem alten Testament. Das Tuch könnte eine Landkarte des  heiligen Landes darstellen, darüber der  Papst als heilige Autorität, der zum Kreuzzug aufrief und den Orden mit seinen Vollmachten ausstattete. War das Heilsversprechen des ewigen Lebens als Lohn für den Kreuzzug hier dargestellt?  Die Kreuzfahrt des Ordens als „Verehrung und Triumph des Kreuzes“?  Eine andere Interpretation ist ebenfalls möglich.

In der Vergleichskirche in Ellingen ist auf der Emporenseite die Legende von Kaiser Konstantin gezeigt. Kaiser Konstantin erschien bei der Schlacht das Kreuz Jesu und eine Stimme sprach: in diesem Zeichen sollt du siegen.  Die Deutschordensritter zogen einst selbst im Zeichen des Kreuzes in die Schlacht. Konstantin ist Sohn der Kaiserin Helena, die in Ellingen Thema des östlichen Deckengemäldes ist.

Schloßkirche Ellingen wiki

 

Nahaufnahme des Deckengemäldes in Ellingen

Schloßkirche Ellingen (wiki)

Franz Joseph Roth gestaltete viele Bauten für den Deutschen Orden in Ellingen, so auch das Schloß, in dem sich ein Beispiel für die pastellgelbe Hintergrundfarbe findet, die für Heilbronn belegt sein soll.

Schloß Ellingen wiki, dig jp

Max Georg Mayer zeigte mir eine Aufnahme der Restaurierungsarbeiten an der nördlichen Seitenkapelle, als erste Untersuchungen an der alten Bausubstanz vorgenommen wurden. Ein freigelegtes Rechteck zeigt eine ältere Malschicht in Pastellgelb. Denkmalpfleger Joachim Hennze schrieb mir: „Roth verwendete gern leichte hellgelbe Farben und dazu noch Blau und Grau (…)  Die Änderung in reinen Grautönen wäre typisch für ein eine Renovierung um 1930.“

Entsprechend den Anregungen von Hennze und Mayer könnte die Kolorierung mit ihrer zeitliche Entwicklung in Zukunft noch differenzierter ausgearbeitet werden.

Wappen in St. Peter und Paul: über dem Bogen zum Chor befinden  sich  die Wappen von Hauskomtur, Landkomtur und Hochmeister des Deutschen Ordens, die auch am Portal der Außenfassade angebracht waren. Links das Wappen von Karl Heinrich von Hornstein.

LMZ Ausschnitt, jp dig

Das  Wappen in der Mitte stammt vom des Hochmeister Franz Ludwig, es  zählt nach Joachim Hennze zu den kompliziertesten der Barockheraldik. Die Farbgebung (bisher in Analogie zu eng verwandten Wappen in Ellingen gestaltet) soll später entsprechend den Forschungen von Herrn Hennze verbessert werden.

 

Die Kirche wurde in den dreißiger Jahren renoviert, daher gibt es zwei deutlich unterschiedliche Dokumentationen der Innenräume, vor und nach der Renovierung.

Die Altarbilder waren vor 1930 anders arrangiert. Rechtsvom Chorbogen war ein großes Marienbild:

© Bildarchiv Foto Marburg/Arthur Schlegel, Ausschnitt

Links vom Chorbogen zeigte das Altarbild St. Georg der Drachentöter. Dieses Bild wurde später auf die rechte Seite verlegt.

© Bildarchiv Foto Marburg/Arthur Schlegel, Ausschnitt

 

Der Hauptaltar zeigt vor 1930 noch nicht das Wechselspiel von weißem und roten Stuckmarmor. Max Georg Mayer hat als Kind noch gesehen, wie der Maler bei der farblichen Neufassung mit einem verdrehten Lappen die Marmoradern aufbrachte. ‚Altare privilegatum‚ stand auf dem Altar, erinnert er sich. Der Vergleich Vorher – Nachher zeigt deutliche Unterschiede:

 

© Bildarchiv Foto Marburg/Arthur Schlegel, Ausschnitt und LMZ Ausschnitt

 

Auch die  Altarfiguren haben sich etwas verändert. Die linke Figur trug vor 1930 einen Schlüssel (Petrus?), danach ein Buch. Waren die Figuren vor 1930 farblich gefasst?

 

© Bildarchiv Foto Marburg/Arthur Schlegel, Ausschnitt und LMZ Ausschnitt

 

Die Wappen waren in den Aufnahmen vor 1930 weiß übermalt. Pfarrer Stegmann hat die Wappen wieder farbig fassen lassen, also versucht, den Originalzustand wieder herzustellen.

© Bildarchiv Foto Marburg/Arthur Schlegel, Ausschnitt

In den Aufnahmen vor 1930 wird eine weiße Marmorierung nachgeahmt, hier war das Pastellgelb aus dem 18. Jahrhundert verschwunden. Hat Pfarrer Stegmann ab 1930 auch das Pastellgelb an der Decke wiederbelebt? Die Wände waren  weiß, soweit Max Georg Mayer sich erinnert ( ein helles Pastellgelb an der Decke möchte er nicht ganz ausschließen), doch an eines erinnert er sich deutlich: die floralen Elemente waren nach 1930 mit zarten, hellen Farben koloriert. Unten eine Aufnahme vor 1930.

© Bildarchiv Foto Marburg, Ausschnitt Schlegel

Das Medaillonbild oben ist  östlich über der Fürstenloge und zeigt den Heiligen Geist, der auf Maria niederschwebt  mit den Worten: sapientia aedificavit sibi domum – Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut.

Nördlich davon zeigt das Medaillon Christus im Tempel mit der Inschrift: quaeretis me et non invenietis – Ihr werdet mich suchen und nicht finden. Christus als Kind im Tempel steht erhöht, die vier alten Schriftgelehrten zu seinen Füßen zeigen ihr großes Erstaunen.

© Bildarchiv Foto Marburg/Arthur Schlegel, Ausschnitt

Südlich der Empore (Bild unten) ist David und Goliath gezeigt mit der Inschrift: Omnis armatura fortium – die ganze Waffenwehr der Starken.

© Bildarchiv Foto Marburg, Ausschnitt Schlegel

Nördlich der Empore zeigt das Medaillon ‚Kreuz mit 5 Wunden‘ mit den Worten ‚Pacificans per sanguinem crucis‘ – er stiftete Frieden durch sein Blut am Kreuz.

© Bildarchiv Foto Marburg/Arthur Schlegel, Ausschnitt

Die Aufnahmen des Landesdenkmalamtes in Ludwigsburg  (LAD) hatte die Amtsfotografin Hilde Baumgärtner  angefertigt, sie sind auf 1930 datiert. Da die Renovierungen nach Max Georg Mayer jedoch viele Jahre in Anspruch nahm und nach seiner eigenen Erinnerung immer wieder ein anderer Teil der Kirche eingerüstet war, markiert 1930 möglicherweise nur den Anfang der Renovierungsarbeiten. Die Aufnahmen im Archiv Marburg, die eine gemalte Marmorierung zeigen,  sind vor 1930 von Arthur Schlegel angefertigt worden und zeitlich nicht genauer geklärt (Angabe des Archivs: ‚1918/1930?‘ bzw. ‚vor 1930‘)

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Quellen des Artikels Sankt Peter und Paul:

pp1 aus: Tessiner Künstler in Europa 13.-19. Jahrhundert, Webseite von Ursula Stevens,

Castel San Pietro, Tessin

siehe auch S. 54 in  Der Deutschhof in Heilbronn im Wandel der Jahrhunderte, Norbert Jung, , Heilbronn 1968, Eigenverlag

Sonstige Quellen:

Vom Ordenshaus zum Kulturzentrum, Walter Hirschmann, Peter Wanner, Stadtarchiv Heilbronn, 2002

Lexikoneintrag über den Deutschhof Heilbronn auf wikipedia

750 Jahre Deutschordenskommende Heilbronn, 1977, Pfarramt St. Peter und Paul, Heilbronn

Der Deutschhof in Heilbronn im Wandel der Jahrhunderte, Norbert Jung, , Heilbronn 1968, Eigenverlag